die verschiedenheit des gleichen
& die gleichzeitigkeit des verschiedenen
splitter und fragmente
du sollst dir keine bildnisse machen
man stelle sich vor: du trittst morgens aus der wohnung, begibst dich auf den arbeitsweg oder unternimmst einen spaziergang und das erste was dir auffällt sind nicht die menschen, die an dir vorbei eilen oder die wolken am himmel. nein, das erste, das dir in die augen springt ist die leere plakatwand, wo gestern noch die überdimensionierte werbung klebte.
am kiosk fehlen die üblichen bebilderten auslagen der magazine. nur die textplakate sind übrig geblieben. auch im tram fällt auf was fehlt: die bebilderten werbeplakätchen und in den schaufenstern stehen die dinge nackt herum, ohne bild-begleitung, jedes ding auf sich selber gestellt, in die leere des schauraumes blickend.
dein erster gedanke beim anblick dieser markanten alltagsveränderung: die bilderfeinde. was schon seit geraumer zeit zu heftigen diskussionen und politischen auseinandersetzungen geführt hat, ist es schliesslich eingetroffen? sind die bilder abgeschafft? haben die ikonoklasten gesiegt?
im laufe des tages wird es immer deutlicher: keine bilder mehr in den zeitungen und zeitschriften, keine bebilderten werbeprospekte, die videotheken sind ausgeräumt, die kinos geschlossen. sogar in den museen seien die bilder verschwunden, weiss eine kunstsachverständige am radio zu berichten. verbannt in die unergründlichen tiefen der kunstlager, wo sie einer zeit nach dem bildersturm harren, alle die klee, picasso, van gogh, kandinskj, mondrian, anker, hodler, amiet und wie sie alle heissen - weggeräumt, eingepackt, mit der abgedeckten bildseite ins lager gestellt.
abends dann im fernseher: der bildschirm zwar hell aber nur weisses rauschen, der ton ist vorhanden aber keine bilder. ein blinder fernseher. in den nachrichten gerade die meldung, dass in der nacht auf heute landesweit sämtliche bilder verschwunden seien. eine massnahme des amtes für wahrnehmung, abteilung ikonik, im auftrag der regierung, nachdem sich in der gestrigen parlamentsdebatte die ikonoklasten durchgesetzt hätten und das "gesetz zur verhinderung der bilderflut und der ungebremsten bildvermehrung" mit 132 zu 12 stimmen, bei 4 enthaltungen, angenommen wurde.
tags darauf die ersten meldungen über reaktionen im lande. die bevölkerung ist beunruhigt. menschen stehen vergeblich schlange an den kiosken und verlangen nach ihren magazinen. vor den kinos macht sich unmut breit. die kinobetreiber schliessen sich dem landesweiten protest der bildschaffenden an. sie sehen tausende von arbeitsplätzen gefährdet und verlangen von der regierung massnahmen zur lockerung oder gar aufhebung des gesetzes.
erste schwarzmarkt gerüchte machen sich breit. geheime zirkel der ikonodulen werden ausgemacht und von der polizei ausgehoben. die entzugserscheinungen der bilderfreunde treiben diese zu waghalsigen aktionen. erste tote und verletzte sind zu beklagen.
das verantwortliche amt versucht sich zu rechtfertigen und die bevölkerung zu beruhigen in dem es plakate aufhängt und flugblätter verteilt. darin steht zu lesen:
wer wir sind und was wir tun
das amt für wahrnehmung, abteilung ikonik, macht auf die zunehmende, über-bordende und entsetzliche flut von bildern aufmerksam, im sinne des gesetzes
"zur verhinderung der bilderflut und der ungebremsten bildvermehrung".
das amt für wahrnehmung, abteilung ikonik, entfernt jegliche art von bildern systematisch und macht damit auf die macht der bilder aufmerksam.
das amt für wahrnehmung, abteilung ikonik, sensibilisiert die bevölkerung indem es diese einlädt, selber aktiv zu werden und bilder zum verschwinden zu bringen.
das amt für wahrnehmung, abteilung ikonik, zeigt konkret, wie bilder verhindert, resp. dem unendlichen bilderstrom entzogen werden können. diese auf-gabengebiete reichen von a wie abdecken bis z wie zerreissen.
das amt für wahrnehmung, abteilung ikonik, ermöglicht allen interessierten personen das erlangen eines zertifikates, welches die fähigkeiten einer künftigen bildabstinenz attestiert. wer sich trotzdem dem bildkonsum hingibt, ist für die daraus entstehenden konsequenzen selber verantwortlich.
das amt für wahrnehmung, abteilung ikonik, macht die bevölkerung darauf aufmerksam, dass bilder die gesundheit gefährden können.
das amt für wahrnehmung, abteilung ikonik, gibt dem publikum hinweise, wie es sich wirkungsvoll vor bildern schützen kann. wer den afw test erfolgreich besteht, erhält das zertifikat icon (siehe oben).
das amt für wahrnehmung, abteilung ikonik, führt im rahmen der tage der offenen türe im palast der vernunft einen wettbewerb unter den besucherinnen und besuchern durch. die gewinnerinnen/gewinner erhalten ein abonnement, welches ihnen für ein jahr kostenlos absolute bildlosigkeit gewährt.
das amt für wahrnehmung, abteilung ikonik, ist sich bewusst, dass der kampf ge-gen die bilderflut noch lange nicht gewonnen ist. hingegen ist es sich sicher, dass durch die eingeleiteten massnahmen zur eindämmung der bilderflut, die auf-merksamkeit auf die wirkung und die macht der bilder verstärkt wird und dadurch ein veränderter umgang mit bildern entstehen wird.
die menschen in den strassen drängen sich um die plakate, gestikulieren wild und die diskussionen führen mancherorts zu handfesten auseinandersetzungen zwischen ikonoklasten und ikonodulen.
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